Growth ist Englisch für Wachstum; degrowth heisst also Schrumpfung. Und was soll laut Degrowth.ch schrumpfen? Die Wirtschaft. Wir wollen nicht nur ein Ende des vergötterten Wirtschaftswachstums – das berühmte ‚Nullwachstum‘ – sondern dass die Wirtschaft abnimmt. Und das nicht nur in den reichen Ländern, sondern weltweit. Um die globale Kluft zwischen Reich und Arm auszumerzen, müssen natürlich die reichen Länder wirtschaftlich mehr schrumpfen als die armen.
Was aber heisst Wirtschaft? Wir haben nichts gegen eine Zunahme des Wohlergehens, des wirtschaftlichen ‚Nutzens‘, oder gar des in Geld gemessenen Bruttosozialprodukts, falls sich dies wider Erwarten je von der produktiven Ökonomie abkoppeln sollte. Was abnehmen muss, ist der Verbrauch und die Verschmutzung der natürlichen Ressourcen. ‚Die Wirtschaft‘ in diesem Sinne funktioniert, indem sie sich mit organischen und mineralischen Stoffen – fossilen Kraftstoffen, Biomasse, ganzen Tierarten, Wasser, Humus, Metallen, Steinen – aus der Natur bedient, und anderseits den Abfall wieder der Natur übergibt. Doch sowohl Rohstoff- wie auch Abfallmengen sind heute zu gross, das heisst, diese physikalische Wirtschaft wird so oder so schrumpfen. Aber weil darauf auch nur teilweise zu verzichten wehtun wird, geht es darum, diesen Prozess möglichst gerecht und Wohlstand erhaltend zu steuern.
Auch der vom Menschen beanspruchte Platz auf der Erdkugel ist zu gross. Die Fakten sind allgemein bekannt: Bald 7, 8 oder 9 Milliarden Menschen wirtschaften in einem so grossen Ausmass, dass deren ‚ökologischer Fussabdruck‘ - metaphorisch ausgedrückt – doppelt so gross ist wie der Planet. Die wissenschaftliche Berechnung der Tragfähigkeit des Planeten ist weit fortgeschritten und zeigt sowohl die Abnahme der Bodenschätze, des bebaubaren Landes, des Frischwassers und der biologischen Vielfalt wie auch eine Veränderung des Klimas, welche die Produktivität des Ökosystems weiter vermindert. Ohne Migration zu einem anderen Solarsystem kann eine ‚harte Landung‘ mit noch mehr Hunger, Krankheit und Krieg eintreffen.
Deshalb sagt z.B. Sir Nicolas Stern, die gesamten Kosten des Klimawandels seien höher als die Kosten, die entstehen, wenn wir die Menge des verbrauchten Rohstoffes jetzt drosseln. Deshalb redet der ökologische Ökonom Herman Daly von ‚unwirtschaftlichem Wachstum‘ (siehe auch Das Geschwätz vom Wachstum, Orell Füssli Verlag und Wir Schwätzer im Treibhaus, Rotpunkt Verlag). Schon heute trifft die Überausbeutung der Erde arme Leute härter als reiche, weil letztere die besseren Plätze und etwas mehr von den Ressourcen sichern können. Wenn aber zudem alle künftigen Menschen in die Kosten-Nutzen- Rechnung miteinbezogen werden, führt das zu einer noch schnelleren Erschöpfung der Ressourcen und zu einem Anstieg der Nettokosten, denen als Nutzen nur unsere heutige Wohlstandsparty gegenübersteht.
Klar, man muss sich überhaupt nicht um andere Leute kümmern, weder um gegenwärtige noch künftige; wir können die Party weiterhin geniessen. Oder wie Kenneth Boulding ironisch fragte: "Was hat die Nachwelt je für mich getan?" Das Problem ist also nicht nur naturwissenschaftlicher, sondern auch ethischer Natur. Aber ohne eine ethische Haltung verliert die Nachhaltigkeit ihre ganze politische Kraft, weil einem dann die Entwicklung einfach egal ist. Sind wir Moralisten? Ja – geschehe nichts Schlimmeres.
Forscher und Aktivisten, die sich für eine Schrumpfung der ökologischen Wirtschaft einsetzen, betreiben von der Deutschschweiz aus diese Website (www.degrowth.ch), von der Romandie aus www.decroissance.ch und von Frankreich aus durch die Gruppe Recherche et Décroissance www.degrowth.net sowie www.decroissance.org. Diese Bewegung veranstaltete die First International Degrowth Conference am 18./19. April 2008 in Paris.
Welche politischen Schritte sind gefragt? Die Verminderung des Ressourcenverbrauchs kann unserer Meinung nach nur über physisch definierte, gesetzliche Quoten oder Grenzen (englisch caps) laufen. Ob die maximal erlaubten Mengen direkt rationiert werden, oder ob die nötige Begrenzung über hohe, lenkende Öko-Steuern geschieht, ist Gegenstand einer Debatte unter Degrowth-Sympathisanten. Auf jeden Fall führen punktuelle und indirekte Massnahmen wie Energie-, Material- oder Platzeffizienz, Förderung anderer Energie-Technologien, freiwillige Einschränkung des Konsums, oder gar eine Schrumpfung der Bevölkerung nicht zum Erfolg. Dies ist die Lehre aus der Rebound-Forschung (www.eoearth.org/by/topic > Jevons Paradox; www.blakealcott.org/publications). Für die Umwelt kommen zuallererst die Caps; und dann, für unseren Wohlstand, kommen Effizienz, erneuerbare Energien usw.
Die Auswirkung dieser Schrumpfung auf den durchschnittlichen Wohlstand und die Bevölkerungszahl der Erde stellt uns vor äusserst unangenehme Probleme. Es könnte ja sein, dass dabei das Gesamtwohlergehen gleichfalls abnimmt. Durch gerechte Verteilung und durch technische und organisatorische Effizienzsteigerung können wir den Nutzen aus weniger Ressourceninput maximieren, aber auch diese Mittel haben Grenzen. Was wir immer noch lernen müssen: Das maximale Ausmass des materiellen, ökonomischen Wohlstands wird nicht von uns, sondern von der Natur bestimmt. Wenn bei einer gegebenen Population und bei gegebenen Technologien die nachhaltige Grösse unseres wirtschaftlichen Tuns ihre Grenze erreicht, müssen wir uns fügen. Bei allem Streben, mehr aus weniger herauszupressen, bleibt uns nichts anderes übrig. Wenn dies weniger Konsum und Komfort bedeuten würde – tant pis.
Unser Bemühen ist deshalb, diese Gesundschrumpfung möglichst früh und demokratisch anzugehen. Dabei gibt es gegen unsere Einschätzung der Situation einige Argumente. Die einen sagen, die Bevölkerung nehme eh schmerzlos ab. Manche glauben, dass wir für alle aufgebrauchten Ressourcen Ersatz durch andere natürliche Ressourcen finden werden. Andere meinen, dass man die Effizienz bei der Gewinnung und Benutzung von Wasser, Boden, Metallen und Energien so weit steigern kann, dass der Wohlstand nicht bedroht ist. Die entsprechenden Debatten gibt es jetzt seit ungefähr vierzig Jahren, und eine umfangreiche Literatur dazu ist entstanden.
Mit der Zeit (und mit dem Geld) werden wir versuchen, diese Website kontradiktorisch zu gestalten. Im Moment beschränken wir uns darauf, hier unsere eigenen Beiträge zu publizieren und auf Websites hinzuweisen, die Degrowth freundschaftlich verbunden sind. Zum Beispiel gibt es mindestens zwei Gruppen, die unsere zwei Ziele der materiellen Schrumpfung bei Wachstum der materiellen Gleichheit seit einigen Jahren verfolgen: Zu handelbaren Quoten www.dtqs.org, und zur ‚Schrumpfung und Annäherung‘ der Länder (contraction and convergence) www.gci.org.uk, das im Rahmen der Klimadebatte entworfen wurde. Das Kyoto-Protokoll baut ja schliesslich auf Rationierung, verwendet dabei aber natürlich eine politisch korrekte, beruhigende Sprache.
Wir leben auf einer Allmend, die übernutzt ist. Die Lösungen müssen deshalb politisch sein. Umweltschutzkreise, die unsere Ziele weitgehend teilen, sind hier gebeten, von individuellen, nicht-politischen Lösungsansätzen abzukommen. Was eine Firma oder ein Konsument für die Einsparung der Ressourcen tut, wird im System bloss durch andere wieder kompensiert, und der Gesamtverbrauch wie auch die Gesamtbelastung bleiben bestenfalls gleich gross. So sind Grüne Parteien gefordert, Klartext zu reden. Heute wird das Wirtschaftswachstum leider nicht einmal von diesen in Frage gestellt – Jobkiller werden nicht gewählt. Auch soziale und grüne NGOs vermeiden es ängstlich, gegen Wachstum Stellung zu nehmen. Es wird höchstens um ein undefiniertes ‚qualitatives‘ Wachstum herum laviert.
Der Begriff ‚Wachstum‘ selbst ist der Biologie entlehnt, wobei dort niemand behaupten würde, eine Pflanze, ein Tier, eine Spezies kenne keine Grenzen des Wachstums. Irgendwann ist Reife angesagt, und das bewusste Gestalten einer reifen, physisch nicht wachsenden Wirtschaft ist der Job, dem sich Degrowth angenommen hat. Nichts kann ewig wachsen, so ungern der Mensch dies einsieht. Wir müssen uns der Natur anpassen.
Diese Website ist im Aufbau, und eine Degrowth-Tagung ist geplant. Wenn du Interesse daran hast, schreib an info@degrowth.ch oder an blakeley@bluewin.ch.